Schrot auf Kormorane

Gepostet von am 11. Mai 2013

Schrot auf Kormorane

Noch 2010 war er Vogel des Jahres, heute steht der Kormoran in vielen Bundesländern auf der Abschussliste und ist sogar Gegenstand des Koalitionsvertrages der Bundesregierung. Was macht den imposanten Flieger und Taucher zum Ärgernis? Und lässt sich ein “Europäischer Kormoranmanagementplan” realisieren? Jan Schilling geht auf die Jagd.

Wind streicht über den Teich. Das Feld dahinter noch schneebedeckt. Ein paar Bäume am Wasser, kahl und wintergrau. Unter einem Tarnnetz ein Mann, in Gummistiefeln. Die Flinte auf den Knien. Er wartet. Auf die Feinde seiner Fische. Auf seine Feinde. Auf die Kormorane. Udo Wolf ist Teichwirt in Beucha, dreißig Kilometer südlich von Leipzig. Dreiviertel sechs, sagt der Fischer, kommen die Kormorane. Jeden Tag. Und also sitzt Wolf in seinem Versteck am Teich und wartet.

“Jetzt im Frühjahr machen die Kormorane den meisten Schaden. Da sind die Satzfische im Teich, die brauchen wir fürs Folgejahr, und wenn der hier ein Kilo Fisch frisst, von den Satzfischen, das sind im Herbst mal vier. Jedes Kilo was hier fehlt, ist mal vier im Herbst, und naja, das kann man sich ausrechnen, wenn man 100 Kormorane da hat, so wie gestern, dann sind am Tag dann 60, 70, 80 Kilo wenigstens weg, plus jede Menge angehackte Fische. Und wenn die das jede Woche machen, dann kann man sich ausrechnen, sind ruck zuck ein paar Tonnen Fisch weg.”

Als die Kormorane kommen – an diesem Tag im März 2013 sind es etwa 40 – greift Wolf sein Gewehr und schießt. Was bleibt ihm anderes übrig? Der Teichwirt ist enttäuscht von der Politik: Seit Jahren würde über ein “Kormoranmanagement” immer nur geredet – geschehen sei wenig. Und Teichwirte wie er zahlten die Zeche.

Tatsächlich hat die Kormoran-Population eine erstaunliche Entwicklung genommen. Erste Erwähnungen des schwarzen Fischfressers sind aus dem 13. Jahrhundert überliefert, und bei Theodor Fontane heißt es in den “Wanderungen durch die Mark Brandenburg”:

“Die Fischer mühten sich umsonst, sie zu vertreiben. Es gab damals Kormorans am Werbellin wie Fliegen in einer Bauernstube, und ein paar Hundert mehr oder weniger machten keinen Unterschied. Auch der Forst litt, denn in manchem Baume hatten die Kormorans zehn Nester, und es schien nicht möglich, ihrer Herr zu werden. Da ward endlich ein Vernichtungskrieg beschlossen. Alle Förster aus den benachbarten Revieren wurden herangezogen, das Garde-Jägerbataillon in Potsdam schickte seine besten Schützen, und so rückte man ins Feld. Zuletzt waren Pulver und Blei stärker als die Kormorans, und sie blieben entweder auf dem Platz oder setzten ihren Zug in friedlichere Gegenden fort. Sind auch nicht wiedergekommen.”

1919 bedauerte der Naturkundler Herman Shalow den Niedergang eines der interessantesten ornithologischen Naturdenkmäler in der Mark. Er meinte den Kormoran. Um 1934 gab es erste Schutzmaßnahmen, allerdings war es schon fast zu spät. Denn neben der Jagd setzte die Industrie der Fauna zu: Wasserkraftwerke und Flussausbau führten zu einem massiven Rückgang der Fische. Weit schlimmer noch wirkte die Verschmutzung der Gewässer. Alle Abwässer flossen quasi ungeklärt in Bäche, Flüsse und Seen. Mitte der 1960er Jahre war der Phalacrocorax carbo sinensis, die kontinentale Kormoran-Art, kaum noch anzutreffen, es soll nur noch etwa 5.000 Brutpaare gegeben haben.

Von der geschützten Art zur Landplage?

1962 erschien das Buch “Der stumme Frühling” von Rachel Carson. Die Biologin warnte  erstmals vor den Folgen der Insektizide in der Landwirtschaft. Tatsächlich hatte der Einsatz von DDT zu einem Vogelsterben geführt – Carsons Buch gilt als ein Beginn der Umweltbewegung. Es wirkte wie ein Gegengift: In den 70er-Jahren wurde DDT verboten, es gab Umweltauflagen für die Industrie und man begann flächendeckend mit dem Ausbau von Kläranlagen.

1979 erließ die Europäische Union eine Vogelschutzrichtlinie. Sie stellte auch den Kormoran unter besonderen Schutz. Seither wächst die Population wieder – und zwar rasant. Zwei Millionen dieser Vögel soll es inzwischen europaweit geben – ihr Fraßdruck bedroht Fischerei und Artenvielfalt.

Jan Schilling begleitet sächsische Fischer, die den schwarzen Vogel ins Visier nehmen. Er besucht Brandenburger Kormorankolonien und will wissen, warum sie so rapide wachsen. Über allem steht die Frage: Lässt sich – wie es der Koalitionsvertrag fordert – ein “Europäischer Kormoranmanagementplan” realisieren? Oder sollte gar Kormoran statt Fisch auf den Tisch?

Ausgestrahlt am 08. Mai 2013 bei MDR Figaro. Dauer: 29:30 min

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