Postume Geschenke

Gepostet von am 18. November 2011

Postume Geschenke

Körperspender sind Menschen, die der Medizin ein Geschenk nach ihrem Ableben machen. Sie spenden ihren Leichnam, damit Studenten daran Anatomie lernen können. Für die Studenten ist er essenziell, aber auch anstrengend. Die Körperspender selbst spenden sich aus unterschiedlichen Motiven.

Der Präparationssaal ist voller Studenten. Mitten in dem Gewirr der vielen Stimmen stehen acht Tische, auf sechs von ihnen liegt je eine Leiche, umringt von mehreren Medizinstudenten. Wie richtige Menschen sehen die Präparate nicht mehr aus. Nur Hände und Kopf sind noch weitgehend unberührt. Der Kurs ist in seiner Arbeit schon fortgeschritten. Inzwischen fehlen den Leichen der Körperspender die Haut, ein Großteil des Fetts, der Brustkorb und einige Organe.

Der Geruch in dem Raum des Anatomischen Instituts der Universität Leipzig ist gewöhnungsbedürftig. Es sind jedoch nicht die Leichen, die  einem in die Nase fahren, erklärt der Institutsdirektor Ingo Bechmann. „Sie werden in Alkohol eingelegt, damit sie lange haltbar sind. Daher der Geruch.“

Fünf bis zehn Studenten stehen um jeden Tisch herum. Unter Anleitung von fortgeschrittenen Studenten und den Lehrenden setzen sie ihre Arbeit an den Körpern fort. In Bechmanns Gruppe entfernt eine Studentin gerade Fett von der Ferse, andere legen Sehnen und Muskeln frei. Wieder andere arbeiten daran, die Nieren zum Präparieren vorzubereiten. Ständig werden die Studenten während der Arbeit anatomisch befragt. Dann zählen sie lateinische Anatomie-Vokabeln auf. Die Arbeit hier ist immer auch Vorbereitung auf die nächste Prüfung. Und davon gibt es einige während des Kurses.

Das Beste und Wertvollste für die Ausbildung

An jedem Tisch stehen und hängen zwei Eimer. Ein blauer fängt den flüssigen Alkohol auf, in dem die Leichen getränkt sind, der andere in Rot dient als Behälter für die sterblichen Überreste, die von den Leichen getrennt werden. Es muss darauf geachtet werden, dass alle Teile beieinander bleiben, damit sie am Ende alle im Grab wieder zusammen kommen. Um jeden Tisch herum, auf Stühlen und Fensterbrettern, liegen dicke Anatomiebücher. Oft gleiten Studentenblicke darüber, zwischen der Arbeit an den Körpern.

Die Stimmung im Kurs ist weitgehend entspannt. Für die Studenten ist es wichtig, die Menschen hinter den Leichen weitgehend auszublenden. Alexander Straßburger präpariert gerade am Oberschenkel eines Körperspenders. Dass vor ihm ein Leichnam liegt, der einmal ein Lebender war, mit Gefühlen, Emotionen und einer langen Biografie, kann er nicht ganz ausblenden. „Man hat es auf jeden Fall im Kopf“, gibt der 25-Jährige zu. Er hat großen Respekt vor den Spendern. „Das ist das Beste und Wertvollste für die Ausbildung. Wir haben ewig lange Bücher, in denen alles erklärt ist. Aber es ist nicht dasselbe: Erst hier lernt man es richtig.“ Ihm gefällt der Praxisbezug beim Präparationskurs. In den ersten Stunden war er noch angespannt. Inzwischen hat sich das gelegt.

Aufgeregt war zu Beginn auch die 20-jährige Marie-Elisa Dietz. Sie hatte vorher Geschichten von Studenten gehört, die im Kurs umgekippt sein sollen. Zu Beginn sei es wirklich nicht ganz einfach, sagt sie mit Blick auf eine der Leichen im Raum. „Da sind ja noch Augen und Gesicht. Aber man verliert nach der ersten Stunde die Scheu. Und dann wird es eher handwerklich.“ Auch für sie sei die Arbeit an den Leichen bedeutsam. „Ich kann sehen, wo was liegt, ohne etwas kaputt zu machen. In einer richtigen OP wäre ein Fehler viel schlimmer als hier. Aber der passiert nach der Erfahrung später vielleicht nicht mehr.“ Sie gibt zu, für sie selbst wäre das Körperspenden nach dem Tod wohl eher nichts.

“Wir wollen uns nicht gegenseitig belasten”

Harry Vogt und Elisa Schilde

Harry Vogt und Elisa Schilde

Harry Vogt wird irgendwann mal hier auf einem der Tische im Präparationssaal liegen. Denn der 84-Jährige ist Körperspender. Zusammen mit Elisa Schilde, seiner Lebenspartnerin, sitzt er in seinem Garten im Süden von Leipzig. Sie haben sich zusammen als Körperspender registrieren lassen. Von der Möglichkeit erfuhren sie durch den Tod einer nahen Bekannten. Sie war Körperspenderin. „Da sind keine Kosten entstanden, deswegen haben wir gesagt, das machen wir auch. Wir wollen uns nicht gegenseitig belasten“, so Vogt. Gläubig ist er nicht. „Ich bin überzeugt, dass nach dem Tod absolut nichts mehr kommt. Deswegen kann man mit meinem Körper auch machen, was man will.“ Er habe keine Kinder und keine Angehörigen, sei gewissermaßen solo auf Erden. Niemand würde sich um das Grab kümmern. Deswegen will er es jungen Ärzten ermöglichen, an seinen Überresten zu lernen. „Und wenn dann noch mal eine junge Ärztin an mir rumschnippelt, ist das doch auch eine feine Sache“, sagt er lachend.

Erschienen im Journal der Leipziger Volkszeitung am 7.11.2011

Bildnachweis: By Sandstein (Own work) [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

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